Tagaus, Tagein

Meine Tante schenkte mir mal „Donald Duck’s Handbuch für Jungen“, besser gesagt, sie überließ es mir. Ich war zwar kein Junge, aber für Bücher hatte ich was übrig und für Donald Duck sowieso. Mein älterer Cousin war aus dem Alter, in dem er Spaß daran hatte, sich ins Gebüsch zu schlagen und Fährten lesen zu üben oder indianische Anschleichmethoden zu lernen herausgewachsen. Es war ein abgegrabbeltes Hardcover mit dicklich-holzigen, billigen Seiten. Darin eine Menge Pfadfindertricks á la Fähnlein Fieselschweif . Und auch für mich Stadtkind gab es genug Möglichkeiten, die allabendlich aufgesogenen Abenteuertipps am Nachmittag anzuwenden.

Wollen wir einen Damm bauen? Wie mache ich Feuer? Welche Tierspur ist das?

Später dann ging ich zu den Geheimdetektiven von Rocky Beach über und ich las etwas über die Vorsicht und die Mutter der Porzellankiste, übers Kombinieren und über die Diskretion. Als ich mich dann entschied, ein richtiges Mädchen sein zu wollen, so eins, das nicht im Dreck wühlte, hatte ich bereits viel gelesen. Auch anderes.

Besser schweigen und als Narr erscheinen, als sprechen und jeden Zweifel beseitigen.

Ich habe einem Jungen, den ich damals mochte, nicht gesagt, dass ich das alles längst habe kommen sehen, dass ich andere Motive hatte, dass es mir egal war. Ich habe lieber geschwiegen.

Heute bin ich meistens immer noch ruhig, aber alles um mich herum redet, alles schwirrt, alles knüpft ein Netz. Das Netz wird immer lückenloser. Dinge über Menschen zu wissen, die man nicht kennt, und nach denen man nicht gesucht hat, ist eine leidige Sache. Überall benutzen sie dieselben Namen, vernetzen sich, weben einen dichten Teppich aus blurbs, updates, Fotos und blips.  Dass du Blaubeeren magst, mit wem du schläfst, wo dein Ferienhaus steht und all das. Du hoffst vielleicht auf eine bessere Welt, eine freie Welt. Und wusstest du, dass Evian rückwärts gelesen naive bedeutet?

Wenn du also das nächste Mal schreibst „Ich hab es so satt!“, dann wundere dich nicht, dass es jemand liest. Denn einer liest es immer. Ich hab es gelesen.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Makrelen

3 Antworten zu “Tagaus, Tagein

  1. Das hat doch was.
    Ganz ehrlich: ich mag deinen Stil, wenn du so mit allem haderst.

    Aber eigentlich will ich ja nur wissen, ob du dieses Donald-Duck-Buch noch hast…
    😉

    • Adele Mackerel

      Vielen Dank für die Blumen!

      Zum Buch: ja, es müsste noch da sein. Bestimmt in einem Karton im Keller, mit den anderen Büchern aus der Zeit. Ich sehe bei Gelegenheit mal nach.

  2. verlassdasauto

    gut°!

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