Der Industriegärtner

Ich erinnere mich noch gut an die erste Nacht des Jahres, in der wir plötzlich von Vogelgesang und Silberstreifen ertappt wurden. Wir hatten auch zum ersten Mal Kerzen angezündet, um ein bisschen „Atmosphäre“ zu schaffen.

Alex, ein alter Freund meines Mitbewohners, war bei uns übers Wochenende zu Besuch. Er war noch keine einundzwanzig, aber der Kummer hatte ihm schon mindestens acht bis zehn Jahre ins Gesicht gemalt. „Come on, die young“ hatte er sich in fetten, schwarzen Buchstaben auf den linken Unterarm tätowieren lassen. Seine Eltern, ein Motorradunfall, Mutter tot und Vater schwerstverletzt. Ausgerechnet zu Weihnachten, letztes Jahr. Alex gab das Studium auf und ging zurück nach Brighton. Er kümmerte sich um seinen Vater, hielt die Familie zusammen, schluckte den Schmerz runter, ja er saugte ihn geradezu auf. Saugte jeden Schmerz aus seiner Umgebung weg. Er wurde Gärtner, eigentlich nicht Gärtner, sondern nur jemand, der Bäume und Hecken stutzte und auf einem großen Rasenmäher herumfuhr und tonnenweise Herbstlaub zusammenzuharken hatte.
Industriegärtner, so nannte er das, denn er pflegte das Grundstück eines großen Chemiewerks, das sich mittels repräsentativer Rasenanlagen einen ökologisch-glaubwürdigen Anstrich geben wollte.

Seine Stoffschuhe waren grasgrün, ansonsten gab es an seinem Äußeren keine Indizien, die auf Gärtner schließen lassen konnten.
„Diese Farbe würde ich auch nehmen für die Schuhe“, sagte ich zu ihm, nachdem wir von der Party wieder nach Hause gekommen waren. Er lächelte nur und meinte:“ Ja, das ist die beste.“
Wir hörten unerträgliche Experimentalmusik, aber in dem Augenblick erschien uns das gar nicht so. Er drehte sich eine Zigarette, seine Fingernägel waren sehr kurz. Keine Spur von Gartenerde.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, denn meine Freunde hatten mir die ganze Story schon erzählt. Ich kannte Alex’ Drama: ein begabter Student, der jetzt Rasen mähte und Anträge für Bettpfannenbewilligungsgelder ausfüllen musste. Ich sah ihn am Krankenbett sitzen, die verschlauchte Hand seines Vaters halten, ich sah, wie er allein am und mit versteinertem Gesicht an diesem Grab stand, einen Tag nach Weihnachten, und er den eisigen Wind nicht spürte, der ihm durch den Mantelkragen pfiff. Ich wusste, dass er gar nichts mehr spürte: nicht die traurigen Blicke seiner Freunde, nicht den Schmerz um die Mutter und auch nicht die Nadeln, die ihm die Farbe unter die Haut stachen. Er war einfach leer.

„Hast du eigentlich auch mal hier studiert?“ fragte ich zögerlich. Ich wusste es ja, es tat mir so leid für ihn.
„Ja,“ sagte er. „Aber ich bin letztes Jahr wieder zurück nach Brighton.“
Weil meine Mutter gestorben ist und mein Vater ein Krüppel, sagte er nicht.
„Vermisst du die Uni manchmal?“ – „Ach nee, eigentlich nicht. Ich bin ganz gern dort, zuhause. Wir wohnen ja ein bisschen außerhalb, das ist recht ruhig. Man kann sich erholen. Ansonsten ist die Stadt ziemlich rummelig. Im Sommer die Touristen am Meer und, naja, natürlich jederzeit die ganzen Clubs.“ Er grinste und ich dachte mir, dass er viele der Clubs natürlich nicht nur vom Hörensagen kannte. Ich grinste auch.

Alex wirkte gelassen und entspannt. Er nahm einen Zug von seiner Zigarette und lehnte den Kopf an die Wand, als er den Rauch wieder ausblies.
Ich sah ihn an der Uni herumlaufen, einen dicken Stapel Bücher unter dem Arm. Nein, dachte ich, das passt nicht. „Willst du vielleicht mal zurück an die Uni?“. Er lehnte sich zu mir vor und sagte: „Nein. Ich mag meinen Job. Ich bin den ganzen Tag draußen und kann frische Luft atmen. Das gefällt mir gut. Ich mag es auch, früh aufzustehen, wenn sonst kein anderer wach ist. Ich liebe es, zu zu sehen, wie etwas wächst. Auch wenn es nur das Unkraut ist, dass ich eigentlich wegnehmen muss. Weißt du, ich beobachte das Unkraut. Ich kontrolliere den Garten ja jeden Tag. Ich sehe es sofort, wenn irgendwo etwas wächst, was da nicht hingehört. Eigentlich muss ich alles, was man sehen kann, gleich ausrupfen. Aber in meinem hinteren Abschnitt, da lass ich sie. Mal drei Tage, mal ’ne Woche, ich lass sie einfach wachsen. Das merkt ja keiner. Aber irgendwann müssen sie dann weg. Manchmal schaffen die Pflänzchen es, zu blühen. Und egal was passiert, sie kommen immer wieder. Sie wachsen einfach. Sie leben. Immer. Das ist so toll.“ Und er sah mir fest in die Augen, um auch meinen letzten Zweifel zu zerstreuen.

Ja, dachte ich, Alex, du hast recht. Die Vögel singen, die Blumen, auch die Unkräuter! wachsen. Die Sonne geht auf und unter und auf. Es geht weiter. Es kommt nicht darauf an, dass alles glatt und nach Plan läuft.

Der Silberstreif war in der Zwischenzeit zu einem Zartblau angewachsen. Man konnte die Sterne nicht mehr sehen. Nur einen halben Mond, der blass im Westen Osten hing. Es war sieben Uhr morgens, und es sah danach aus, dass es ein angenehm warmer Tag werden würde.

„Ich muss langsam mal schlafen“, sagte ich. „Wenigstens ein bisschen, bevor es Mittag ist.“ Alex lachte. „Ja, das stimmt wohl. Gute Nacht, oder so, ich mein, was davon übrig ist….also, äh, schlaf gut!“ Ich stand auf und überlegte kurz. „Sag mal, Alex, hättest du nicht Lust, nachher vielleicht mit schwimmen zu gehen?“ – „Doch, klar. Sehr gern sogar. Weck mich einfach auf, wenn du los willst, ja?“

(November 2005)

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Der Industriegärtner

  1. Schöne Geschichte. Bittersweet.

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