Ungefähr ein Jahr

„Solche Chrysanthemen mochte dein Vater gern.“-„Gelbe?“ – „Ja, die am liebsten.“

So wie meine Mutter immer noch vom „wir“ spricht – „Wir gehen ja immer dort einkaufen“, „Wir waren da einmal, aber…“, „Wir mögen…“ – teilt sie mir immer wieder unaufgefordert ihre Erinnerungen mit.

„Heute ist es ein Jahr her, vor einem Jahr ist er ins Krankenhaus gegangen. An einem Montag, die OP war am Dienstag. Am 21. war die.“
Es scheint, als arbeitete sie sich an ihren Erinnerungen ab. Als müsse sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums mögichst viel davon an mich weiter geben. Es ist ihr Weg, und er tut ihr gut.

Ich wusste, dass es ein Jahr her ist. Ungefähr. Genauer wollte ich es nicht wissen. Ich wollte nicht minutiös unser letztes Telefongespräch rekonstruieren. Ich erinnere mich auch so noch gut genug. Es tut auch so noch weh genug. Die ungewöhnliche Milde in seinen Worten, der sorgfältige Zweckoptimismus.

Lange gebeutelt und inzwischen OP-Profi, hatte mein Vater dieses Mal wirklich Angst – und er sollte recht behalten. Eine große OP, Ausgang: ungewiss, andere Chancen: keine.

Ich weiß noch, dass ich auf meinem Bett saß und ihn anrufen wollte, Mut zu sprechen. Durchatmen. Aber dann rief er selbst an. Er wollte mich „noch mal hören“. Ich habe eigentlich eher mich getröstet, dass das natürlich wegen der Apparaturen erst mal mit dem Sprechen nichts wird, aber dass wir bald, in zwei, drei Monaten bestimmt wieder normal miteinander reden können würden. Nicht schlimm. Mein Vater stimmte mir höflich zu. Aber was er wirklich dachte, sagte er nicht.

Die Ärzte würden dich nicht operieren, wenn sie nicht glauben würden, dass du eine Chance hast.

Das war mein Mantra, die ganze Zeit.

Es war das letzte Mal, dass er mit mir gesprochen hat.

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