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Fahranfänger

„Ey, du Sau, du spinnst wohl, mich überholen! Na warte, dir zeig ich’s!“ Ich trete das Gas durch und ramme meinen Vordermann. Dränge ihn von der Straße ab. „Geschieht ihm recht,“ gröhlt meine Freundin Lisa. Aufgepeitscht von krachigem Spätneunziger Crossover kreischen wir wie die Bekloppten. Ich beschleunige weiter auf 80 Meilen in der Stunde.

Meine Karre ist zerbeult, gleich fliegt meine Motorhaube weg. Irgendwelche Tonnen und Hütchen nehme ich auch mit, egal. Hauptsache nicht als letzter durchs Ziel. Und vor allem vor dem Typen in der gelben Karre.

„Den habe ich echt gefressen, diesen Glatzkopf, guck mal, der,“ nuschele ich ihr zu, ich kann mich nicht gleichzeitig auf eine gewählte Artikulation und aufs Fahren konzentrieren.

Ich bin vorher noch nie betrunken Auto gefahren. Ich trinke nichts, wenn ich fahre und fahre nicht, wenn ich trinke. Ganz einfacher Grundsatz. Heute ist es anders. Ich lasse es drauf ankommen. Denn es ist ja nur ein Spiel.

Sie hat mich ja auch überredet. Selber schuld, keiner wollte mehr ausgehen, Brettspiele hatten sie nicht. Und dann kam sie an und meinte, dass ihr Freund ein Lenkrad-und-Gaspedal-Raserspiel für den Computer hat. So’n Scheiß! Konsole spielen, oder was? Diese Verdummungskacke, ganz kurz vor den Ballerspielen, die aus pickeligen Fünfzehnjährigen Killer machen? Das ist doch nur was für Schulschwänzer und Gehirnamputierte, aber doch nicht für mich. Ich lese doch Zeitung und so! Naja, man kann es ja mal versuchen.

„Hahaa! Bleifuuuuß, sachichdir, Alter! Weg da, weg da, du Sau!“
Mein persönlicher Hassfahrer, also das Michael-Schuhmacher-Äquivalent, fährt irgendeine kleine gelbe Kiste. Der schafft es imme irgendwie vorn mitzumischen.
Aber ich gebe nicht auf. Scheißfiat, ich krieg dich, ich mach dich platt!

„Siehst du das, siehst du das?“ rege ich mich auf. „Der blockiert mich doch absichtlich, wie soll man denn da ne reelle Chance haben? Das ist doch Verarsche. Gib mir mal noch’n Schluck Wein!“ Nach Lisas Logik kann man das Spiel auch nicht gewinnen, denn: „Der Computer weiß aber auch immer, wie gut du bist, da hast du kaum ne Chance, weil der is’ dann immer besser als du.“
Das motiviert. Ich trete durch. Huiiiiii!

Auf einmal meint sie: „Eigentlich müsstest Du auch noch dabei telefonieren, das ist doch sonst nicht realistisch, wadde mal…bingleichwieddada…“. Sie stolpert in den Flur und bringt mir das Drahtlose, einen Klopper von Siemens, den ich mir abwechselnd unters Kinn klemme und in der Hand haltet. Noch’n Schluck Wein. „Guck mal, freihändig!“ Lisa grinst und nickt. „Lass mich auch mal, lass mich auch mal!“

Aber schon höre ich ihr nicht mehr zu, wieder rein in den Wald, gegen die Leitplanke, scheißegal, das gibt Punkte, kann ich mehr Gas geben, so kriege ich die gelbe Sau doch noch, harhar!

Und so geht es weiter und weiter. Wir wechseln uns ab. Lisa ist durchweg schneller als ich, aber klar, sie fährt ja auch öfter betrunken Auto. Du Affenarsch! Du Sausack! Arschloch! Wir sind Hulk am Lenkrad. Wir sabbern. Wir fluchen. Ich halte ihr die Augen zu und sage „Links, rechts, nein, scheisse, doch links meine ich!“ – zu spät, ihre Fahrerfigur fliegt schreiend aus dem Auto. Alles ohne Blut, aber wir sind doch einen kurzen Moment schockgefrostet. Ich bin wieder dran. Mit Knien. Mit Näckellackieren. Prost. Und ich wickele mich um einen Baum.

„….du Idiot, scheiße, manno.“

Irgendwann hat es keinen Spaß mehr gemacht. Ich konnte die Strecke irgendwie nicht mehr richtig erkennen. Bin dauernd rückwärts gefahren. Dann bin ich direkt im Straßengraben eingeschlafen.

Am nächsten Morgen beim Frühstück hatten wir Kopfschmerzen. Und haben uns ganz furchtbar geschämt. Irgendwann habe ich das peinliche Schweigen gebrochen: „Meinst du, das Spiel gibt es auch fürs Einparken?“

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Ist Sprache redundant?

Ein kleines Café im Univiertel.

Sie1 so: Einen Kaffee zum mitnehmen bitte.
Sie2 so (ungläubig): Einen ganz normalen?
Sie1 so: Ähm, ja. … Nur’n bißchen Milch, bitte.
Sie2 so: To go?
Sie1 so: Ja.

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Der Industriegärtner

Ich erinnere mich noch gut an die erste Nacht des Jahres, in der wir plötzlich von Vogelgesang und Silberstreifen ertappt wurden. Wir hatten auch zum ersten Mal Kerzen angezündet, um ein bisschen „Atmosphäre“ zu schaffen.

Alex, ein alter Freund meines Mitbewohners, war bei uns übers Wochenende zu Besuch. Er war noch keine einundzwanzig, aber der Kummer hatte ihm schon mindestens acht bis zehn Jahre ins Gesicht gemalt. „Come on, die young“ hatte er sich in fetten, schwarzen Buchstaben auf den linken Unterarm tätowieren lassen. Seine Eltern, ein Motorradunfall, Mutter tot und Vater schwerstverletzt. Ausgerechnet zu Weihnachten, letztes Jahr. Alex gab das Studium auf und ging zurück nach Brighton. Er kümmerte sich um seinen Vater, hielt die Familie zusammen, schluckte den Schmerz runter, ja er saugte ihn geradezu auf. Saugte jeden Schmerz aus seiner Umgebung weg. Er wurde Gärtner, eigentlich nicht Gärtner, sondern nur jemand, der Bäume und Hecken stutzte und auf einem großen Rasenmäher herumfuhr und tonnenweise Herbstlaub zusammenzuharken hatte.
Industriegärtner, so nannte er das, denn er pflegte das Grundstück eines großen Chemiewerks, das sich mittels repräsentativer Rasenanlagen einen ökologisch-glaubwürdigen Anstrich geben wollte.

Seine Stoffschuhe waren grasgrün, ansonsten gab es an seinem Äußeren keine Indizien, die auf Gärtner schließen lassen konnten.
„Diese Farbe würde ich auch nehmen für die Schuhe“, sagte ich zu ihm, nachdem wir von der Party wieder nach Hause gekommen waren. Er lächelte nur und meinte:“ Ja, das ist die beste.“
Wir hörten unerträgliche Experimentalmusik, aber in dem Augenblick erschien uns das gar nicht so. Er drehte sich eine Zigarette, seine Fingernägel waren sehr kurz. Keine Spur von Gartenerde.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, denn meine Freunde hatten mir die ganze Story schon erzählt. Ich kannte Alex’ Drama: ein begabter Student, der jetzt Rasen mähte und Anträge für Bettpfannenbewilligungsgelder ausfüllen musste. Ich sah ihn am Krankenbett sitzen, die verschlauchte Hand seines Vaters halten, ich sah, wie er allein am und mit versteinertem Gesicht an diesem Grab stand, einen Tag nach Weihnachten, und er den eisigen Wind nicht spürte, der ihm durch den Mantelkragen pfiff. Ich wusste, dass er gar nichts mehr spürte: nicht die traurigen Blicke seiner Freunde, nicht den Schmerz um die Mutter und auch nicht die Nadeln, die ihm die Farbe unter die Haut stachen. Er war einfach leer.

„Hast du eigentlich auch mal hier studiert?“ fragte ich zögerlich. Ich wusste es ja, es tat mir so leid für ihn.
„Ja,“ sagte er. „Aber ich bin letztes Jahr wieder zurück nach Brighton.“
Weil meine Mutter gestorben ist und mein Vater ein Krüppel, sagte er nicht.
„Vermisst du die Uni manchmal?“ – „Ach nee, eigentlich nicht. Ich bin ganz gern dort, zuhause. Wir wohnen ja ein bisschen außerhalb, das ist recht ruhig. Man kann sich erholen. Ansonsten ist die Stadt ziemlich rummelig. Im Sommer die Touristen am Meer und, naja, natürlich jederzeit die ganzen Clubs.“ Er grinste und ich dachte mir, dass er viele der Clubs natürlich nicht nur vom Hörensagen kannte. Ich grinste auch.

Alex wirkte gelassen und entspannt. Er nahm einen Zug von seiner Zigarette und lehnte den Kopf an die Wand, als er den Rauch wieder ausblies.
Ich sah ihn an der Uni herumlaufen, einen dicken Stapel Bücher unter dem Arm. Nein, dachte ich, das passt nicht. „Willst du vielleicht mal zurück an die Uni?“. Er lehnte sich zu mir vor und sagte: „Nein. Ich mag meinen Job. Ich bin den ganzen Tag draußen und kann frische Luft atmen. Das gefällt mir gut. Ich mag es auch, früh aufzustehen, wenn sonst kein anderer wach ist. Ich liebe es, zu zu sehen, wie etwas wächst. Auch wenn es nur das Unkraut ist, dass ich eigentlich wegnehmen muss. Weißt du, ich beobachte das Unkraut. Ich kontrolliere den Garten ja jeden Tag. Ich sehe es sofort, wenn irgendwo etwas wächst, was da nicht hingehört. Eigentlich muss ich alles, was man sehen kann, gleich ausrupfen. Aber in meinem hinteren Abschnitt, da lass ich sie. Mal drei Tage, mal ’ne Woche, ich lass sie einfach wachsen. Das merkt ja keiner. Aber irgendwann müssen sie dann weg. Manchmal schaffen die Pflänzchen es, zu blühen. Und egal was passiert, sie kommen immer wieder. Sie wachsen einfach. Sie leben. Immer. Das ist so toll.“ Und er sah mir fest in die Augen, um auch meinen letzten Zweifel zu zerstreuen.

Ja, dachte ich, Alex, du hast recht. Die Vögel singen, die Blumen, auch die Unkräuter! wachsen. Die Sonne geht auf und unter und auf. Es geht weiter. Es kommt nicht darauf an, dass alles glatt und nach Plan läuft.

Der Silberstreif war in der Zwischenzeit zu einem Zartblau angewachsen. Man konnte die Sterne nicht mehr sehen. Nur einen halben Mond, der blass im Westen Osten hing. Es war sieben Uhr morgens, und es sah danach aus, dass es ein angenehm warmer Tag werden würde.

„Ich muss langsam mal schlafen“, sagte ich. „Wenigstens ein bisschen, bevor es Mittag ist.“ Alex lachte. „Ja, das stimmt wohl. Gute Nacht, oder so, ich mein, was davon übrig ist….also, äh, schlaf gut!“ Ich stand auf und überlegte kurz. „Sag mal, Alex, hättest du nicht Lust, nachher vielleicht mit schwimmen zu gehen?“ – „Doch, klar. Sehr gern sogar. Weck mich einfach auf, wenn du los willst, ja?“

(November 2005)

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