Und wieder eins weg.

Wie kürzlich in den Regionalmedien zu lesen war, hat schon wieder ein Kino in Hamburg geschlossen.

Das Passage-Kino in der Mönckebergstraße gehörte nicht gerade zu meinen bevorzugten Kinos. Zum allergrößten Teil, weil ich synchronisierte Filme einfach nicht leiden kann – ich finde sie eine deutliche Schmälerung der Leistung eines Schauspielers und eine Beleidigung an den Intellekt des Zuschauers – zum anderen, nun ja, die Lage. Als bekannte und deutlich überschätze Haupt-Shoppingzone Hamburgs hat die Mönckebergstraße schon tagsüber kein anziehendes Ambiente zu bieten. Nach dem Film dann nur noch dunkle Schaufenster diverser Ketten, verödete Straßen und ein bisschen Präriegras, das über die Straße rollt. Ich kann mir Besseres vorstellen, als an einem Sonntagabend um 22:30 Uhr noch einen Absacker bei McDonald’s oder Starbucks zu nehmen und den gerade gesehenen, schlecht synchronisierten Film Revue passieren zu lassen.
Ein weiteres großes Manko des Passage waren seine Säle 2 und 3: Schuhschachtel und Hutschachtel. Hier zwängte man sich rein, wenn man die drei Tage bis zum DVD-Release nun wirklich nicht mehr warten konnte.
ABER!
Aber der GROSSE Saal war ein Kinotraum: die lila Plüschsessel! Die goldenen Vorhangstickereien! Die ausklappbare Leinwand! Der verschwenderische Umgang mit Glühbirnen!
Und ein Foyer mit Springbrunnen!
Erdacht und gebaut in einer Zeit, in der Kino noch etwas anderes war als heute.

Passage-Kino

Schade, Passage, dass wir uns so selten getroffen haben. Es tut mir leid, dass Du nun weg bist und an Deine Stelle, nach Deiner Ausweidung, vielleicht noch so ein Filialkettenramschladen, für den die Mönckebergstraße so geliebt wird, tritt.

Und schade, Ihr anderen Kinos, dass ich Euch nie besuche. Aber vielleicht mache ich das öfter, wenn Ihr mal bessere (und unverstümmelte) Filme zeigen würdet?

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K(l)eine Erinnerungen

Im Herbst 1989 war ich elf. Ich interessierte mich für Pferde und meine Wellensittiche, Kassetten mit wahlweise „Comedy“ oder 50er-Jahre-Schlager aufzunehmen und Radfahren. An den Tag des Mauerfalls erinnere ich mich überhaupt nicht. Es sind unzusammenhängende Bilder und Töne.

Irgendwie wusste ich, dass es ein anderes Deutschland gab, die DDR. Ich hab es hingenommen. Meine Schwester machte ihre Klassenreise früher im Jahr ’89 nach Ost-Berlin. „Ist doch interessant, da kommt man ja sonst nicht so ohne Weiteres hin.“

Ich erinnere mich an die hitzigen Diskussionen an Sommerabenden in unserem Garten, zwischen einer deutlich kommunistisch angehauchten spanischen Freundin der Familie und meinen Eltern. Es ging um Staatssysteme. Ich schnappte auf, dass es in der DDR „nicht mal Kaffee!“ und eine irgendwie geartete Bevormundung gab. Die Freundin hatte die glühenderen, mein Vater die lauteren Argumente. Erwachsenes Gerede, das mich nicht so sehr interessierte.

In meiner Klasse gab es diesen etwas älteren Jungen. Er war im Sommer über Ungarn aus der DDR geflohen. Er war eine unglaubliche Nervensäge. Immer hibbelig, immer leicht aggressiv. Mir war er zu laut. Später hat er sich häufig öffentlich darüber geärgert, mit den Nach-Mauerfall-Ossis in einen Topf geworfen zu werden.

Ich erinnere mich daran, dass in der Stadt Tüten mit Bananen und Schokolade an Trabis gehängt wurden. Dass es Aus-, Um-, und Übersiedler gab, die man auf Campingplätzen und Schiffen zwischenbeherbergte.

Zonis gucken gehen.

Wir sind das/ein/welches Volk.

Im folgenden Sommer fuhren wir einen Tag an den Schaalsee. Die Häuser hatten einen fremden Grauton, und es war heiß. Die Erde war trocken, bröckelig und auch grau. Ich fühlte mich an einen altmodischen Film erinnert.

Danach ging es weiter, aber das sind andere Erinnerungen. Inzwischen weiß ich, welches Unrecht hinter der Mauer geschah.
Und ich freue mich, dass es diese Mauer nicht mehr gibt.

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Ungefähr ein Jahr

„Solche Chrysanthemen mochte dein Vater gern.“-„Gelbe?“ – „Ja, die am liebsten.“

So wie meine Mutter immer noch vom „wir“ spricht – „Wir gehen ja immer dort einkaufen“, „Wir waren da einmal, aber…“, „Wir mögen…“ – teilt sie mir immer wieder unaufgefordert ihre Erinnerungen mit.

„Heute ist es ein Jahr her, vor einem Jahr ist er ins Krankenhaus gegangen. An einem Montag, die OP war am Dienstag. Am 21. war die.“
Es scheint, als arbeitete sie sich an ihren Erinnerungen ab. Als müsse sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums mögichst viel davon an mich weiter geben. Es ist ihr Weg, und er tut ihr gut.

Ich wusste, dass es ein Jahr her ist. Ungefähr. Genauer wollte ich es nicht wissen. Ich wollte nicht minutiös unser letztes Telefongespräch rekonstruieren. Ich erinnere mich auch so noch gut genug. Es tut auch so noch weh genug. Die ungewöhnliche Milde in seinen Worten, der sorgfältige Zweckoptimismus.

Lange gebeutelt und inzwischen OP-Profi, hatte mein Vater dieses Mal wirklich Angst – und er sollte recht behalten. Eine große OP, Ausgang: ungewiss, andere Chancen: keine.

Ich weiß noch, dass ich auf meinem Bett saß und ihn anrufen wollte, Mut zu sprechen. Durchatmen. Aber dann rief er selbst an. Er wollte mich „noch mal hören“. Ich habe eigentlich eher mich getröstet, dass das natürlich wegen der Apparaturen erst mal mit dem Sprechen nichts wird, aber dass wir bald, in zwei, drei Monaten bestimmt wieder normal miteinander reden können würden. Nicht schlimm. Mein Vater stimmte mir höflich zu. Aber was er wirklich dachte, sagte er nicht.

Die Ärzte würden dich nicht operieren, wenn sie nicht glauben würden, dass du eine Chance hast.

Das war mein Mantra, die ganze Zeit.

Es war das letzte Mal, dass er mit mir gesprochen hat.

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Heringe, Heringe, Heringe

Hering

Das sind keine Makrelen.

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Heute

Heute gibt es nicht viel zu sagen, außer

Danke für all die Liebe und Freude.

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Abgewöhnt

Jemand, der eines Tages beschließt, Vegetarier zu werden – aus moralischen Gründen – der verliert nach und nach seinen Appetit auf Fleisch. Am Anfang mag es vielleicht noch wie eine künstliche Zügelung einer als natürlich empfundenen Handlung wirken.

Fleisch fehlt.

Dann, nach einiger Zeit erscheint es nur noch wie ein unreflektiertes Ritual aus dunklen Zeiten, Fleisch zu essen. Die Erinnerung an den Geschmack verblasst, es finden sich Alternativen in Hülle und Fülle, auf die man vorher vielleicht gar nicht gekommen wäre.

Fleisch fehlt ganz und gar nicht mehr.

Es war ja nur eine lieblose Gewöhnung, mehr nicht. Und mehr als das. Der Geruch eines Steaks, der Anblick eines Mettbrötchens rufen Ekel hervor. Zwingt man diesen Jemand, nun doch mal bitte aus gesellschaftlicher Verpflichtung eine Scheibe Schinke oder ähnliches zu essen, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass Erbrechen oder zumindest Magenkrämpfe folgen werden.

Ganz genau so geht es mir mit dir. Wenn ich zufällig ein Foto von dir sehe, oder sich eine deiner hochmütigen Phrasen von irgendwo weit hinten aus meinem allerletzten Hirnwinkel in mein Bewusstsein drängt, dann reagiert mein Körper mit Abscheu. Mein Hals schnürt sich zu und ich muss mich kurz schütteln.

Ekel überkommt mich beim Gedanken an dich: eine in ranzigem Fett frittierte Bratwurst, zusammengepresst in einer Pelle aus glänzendem Darm.

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Fahranfänger

„Ey, du Sau, du spinnst wohl, mich überholen! Na warte, dir zeig ich’s!“ Ich trete das Gas durch und ramme meinen Vordermann. Dränge ihn von der Straße ab. „Geschieht ihm recht,“ gröhlt meine Freundin Lisa. Aufgepeitscht von krachigem Spätneunziger Crossover kreischen wir wie die Bekloppten. Ich beschleunige weiter auf 80 Meilen in der Stunde.

Meine Karre ist zerbeult, gleich fliegt meine Motorhaube weg. Irgendwelche Tonnen und Hütchen nehme ich auch mit, egal. Hauptsache nicht als letzter durchs Ziel. Und vor allem vor dem Typen in der gelben Karre.

„Den habe ich echt gefressen, diesen Glatzkopf, guck mal, der,“ nuschele ich ihr zu, ich kann mich nicht gleichzeitig auf eine gewählte Artikulation und aufs Fahren konzentrieren.

Ich bin vorher noch nie betrunken Auto gefahren. Ich trinke nichts, wenn ich fahre und fahre nicht, wenn ich trinke. Ganz einfacher Grundsatz. Heute ist es anders. Ich lasse es drauf ankommen. Denn es ist ja nur ein Spiel.

Sie hat mich ja auch überredet. Selber schuld, keiner wollte mehr ausgehen, Brettspiele hatten sie nicht. Und dann kam sie an und meinte, dass ihr Freund ein Lenkrad-und-Gaspedal-Raserspiel für den Computer hat. So’n Scheiß! Konsole spielen, oder was? Diese Verdummungskacke, ganz kurz vor den Ballerspielen, die aus pickeligen Fünfzehnjährigen Killer machen? Das ist doch nur was für Schulschwänzer und Gehirnamputierte, aber doch nicht für mich. Ich lese doch Zeitung und so! Naja, man kann es ja mal versuchen.

„Hahaa! Bleifuuuuß, sachichdir, Alter! Weg da, weg da, du Sau!“
Mein persönlicher Hassfahrer, also das Michael-Schuhmacher-Äquivalent, fährt irgendeine kleine gelbe Kiste. Der schafft es imme irgendwie vorn mitzumischen.
Aber ich gebe nicht auf. Scheißfiat, ich krieg dich, ich mach dich platt!

„Siehst du das, siehst du das?“ rege ich mich auf. „Der blockiert mich doch absichtlich, wie soll man denn da ne reelle Chance haben? Das ist doch Verarsche. Gib mir mal noch’n Schluck Wein!“ Nach Lisas Logik kann man das Spiel auch nicht gewinnen, denn: „Der Computer weiß aber auch immer, wie gut du bist, da hast du kaum ne Chance, weil der is’ dann immer besser als du.“
Das motiviert. Ich trete durch. Huiiiiii!

Auf einmal meint sie: „Eigentlich müsstest Du auch noch dabei telefonieren, das ist doch sonst nicht realistisch, wadde mal…bingleichwieddada…“. Sie stolpert in den Flur und bringt mir das Drahtlose, einen Klopper von Siemens, den ich mir abwechselnd unters Kinn klemme und in der Hand haltet. Noch’n Schluck Wein. „Guck mal, freihändig!“ Lisa grinst und nickt. „Lass mich auch mal, lass mich auch mal!“

Aber schon höre ich ihr nicht mehr zu, wieder rein in den Wald, gegen die Leitplanke, scheißegal, das gibt Punkte, kann ich mehr Gas geben, so kriege ich die gelbe Sau doch noch, harhar!

Und so geht es weiter und weiter. Wir wechseln uns ab. Lisa ist durchweg schneller als ich, aber klar, sie fährt ja auch öfter betrunken Auto. Du Affenarsch! Du Sausack! Arschloch! Wir sind Hulk am Lenkrad. Wir sabbern. Wir fluchen. Ich halte ihr die Augen zu und sage „Links, rechts, nein, scheisse, doch links meine ich!“ – zu spät, ihre Fahrerfigur fliegt schreiend aus dem Auto. Alles ohne Blut, aber wir sind doch einen kurzen Moment schockgefrostet. Ich bin wieder dran. Mit Knien. Mit Näckellackieren. Prost. Und ich wickele mich um einen Baum.

„….du Idiot, scheiße, manno.“

Irgendwann hat es keinen Spaß mehr gemacht. Ich konnte die Strecke irgendwie nicht mehr richtig erkennen. Bin dauernd rückwärts gefahren. Dann bin ich direkt im Straßengraben eingeschlafen.

Am nächsten Morgen beim Frühstück hatten wir Kopfschmerzen. Und haben uns ganz furchtbar geschämt. Irgendwann habe ich das peinliche Schweigen gebrochen: „Meinst du, das Spiel gibt es auch fürs Einparken?“

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