K(l)eine Erinnerungen

Im Herbst 1989 war ich elf. Ich interessierte mich für Pferde und meine Wellensittiche, Kassetten mit wahlweise „Comedy“ oder 50er-Jahre-Schlager aufzunehmen und Radfahren. An den Tag des Mauerfalls erinnere ich mich überhaupt nicht. Es sind unzusammenhängende Bilder und Töne.

Irgendwie wusste ich, dass es ein anderes Deutschland gab, die DDR. Ich hab es hingenommen. Meine Schwester machte ihre Klassenreise früher im Jahr ’89 nach Ost-Berlin. „Ist doch interessant, da kommt man ja sonst nicht so ohne Weiteres hin.“

Ich erinnere mich an die hitzigen Diskussionen an Sommerabenden in unserem Garten, zwischen einer deutlich kommunistisch angehauchten spanischen Freundin der Familie und meinen Eltern. Es ging um Staatssysteme. Ich schnappte auf, dass es in der DDR „nicht mal Kaffee!“ und eine irgendwie geartete Bevormundung gab. Die Freundin hatte die glühenderen, mein Vater die lauteren Argumente. Erwachsenes Gerede, das mich nicht so sehr interessierte.

In meiner Klasse gab es diesen etwas älteren Jungen. Er war im Sommer über Ungarn aus der DDR geflohen. Er war eine unglaubliche Nervensäge. Immer hibbelig, immer leicht aggressiv. Mir war er zu laut. Später hat er sich häufig öffentlich darüber geärgert, mit den Nach-Mauerfall-Ossis in einen Topf geworfen zu werden.

Ich erinnere mich daran, dass in der Stadt Tüten mit Bananen und Schokolade an Trabis gehängt wurden. Dass es Aus-, Um-, und Übersiedler gab, die man auf Campingplätzen und Schiffen zwischenbeherbergte.

Zonis gucken gehen.

Wir sind das/ein/welches Volk.

Im folgenden Sommer fuhren wir einen Tag an den Schaalsee. Die Häuser hatten einen fremden Grauton, und es war heiß. Die Erde war trocken, bröckelig und auch grau. Ich fühlte mich an einen altmodischen Film erinnert.

Danach ging es weiter, aber das sind andere Erinnerungen. Inzwischen weiß ich, welches Unrecht hinter der Mauer geschah.
Und ich freue mich, dass es diese Mauer nicht mehr gibt.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Makrelen

Eine Antwort zu “K(l)eine Erinnerungen

  1. Ich war 12 und wir hatten dank unserer umsichtigen Lehrerin das Thema DDR im Politikunterricht durchgenommen. Als es dann soweit war, mussten meine Eltern mich gar nicht vor die Glotze setzen – ich wollte einfach wissen, wie es weitegeht. 😉 Ich war schon immer ein Fan von Fortsetzungen. Aber spannend mussten sie sein. Hat alles gepasst.

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